Digitale Souveränität in Deutschland: Warum Unternehmen europäische IT-Lösungen fordern, aber selten einsetzen
Digitale Souveränität gehört derzeit zu den meistdiskutierten Themen der Cybersicherheit. Kaum eine Fachkonferenz, kaum eine politische Debatte und kaum ein Strategiepapier kommt noch ohne den Begriff aus. Unternehmen fordern mehr Unabhängigkeit von internationalen Technologieanbietern, Behörden diskutieren über europäische Alternativen und mit neuen regulatorischen Anforderungen wie NIS2 gewinnt das Thema zusätzlich an Bedeutung.
Doch obwohl sich viele Unternehmen mehr digitale Souveränität wünschen, bleibt die Realität eine andere. Amerikanische Software-, Cloud- und Cybersecurity-Anbieter dominieren weiterhin den Markt. Warum ist das so?
Die Antwort ist komplexer, als es die öffentliche Debatte oft vermuten lässt.
Der Wunsch nach digitaler Souveränität ist längst Realität
Dass Unternehmen das Thema ernst nehmen, zeigen aktuelle Zahlen deutlich. Laut der Studie State of Digital Sovereignty 2025 von Myra Security befürworten 84,4 Prozent der befragten IT-Entscheider den Einsatz europäischer Lösungen in kritischen Infrastrukturen und im öffentlichen Sektor. Gleichzeitig geben viele Unternehmen an, ihre Abhängigkeiten von einzelnen Technologieanbietern reduzieren zu wollen.
Auch andere Untersuchungen zeichnen ein ähnliches Bild. Die Diskussion über digitale Souveränität wird längst nicht mehr ausschließlich von Datenschutz oder Compliance getrieben. Spätestens die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre haben vielen Unternehmen vor Augen geführt, wie schnell strategische Abhängigkeiten zum Problem werden können.
Was passiert, wenn zentrale Technologien plötzlich nicht mehr verfügbar sind? Welche Folgen hätte eine Einschränkung internationaler Cloud-Dienste? Und wie abhängig ist das eigene Unternehmen eigentlich von einzelnen Herstellern? Diese Fragen beschäftigen heute Vorstände, IT-Leiter und Sicherheitsverantwortliche gleichermaßen.
Warum trotzdem kaum jemand umsteigt
Trotz der hohen Zustimmung zu europäischen Lösungen dominieren weiterhin internationale Anbieter. Der Grund dafür liegt selten im fehlenden Willen.
Viele Unternehmen stehen vor einem Dilemma. Sie erkennen die Risiken bestehender Abhängigkeiten, finden aber häufig keine gleichwertigen Alternativen. Gerade in Bereichen wie Cloud-Plattformen, Betriebssystemen, Kollaborationslösungen oder Cybersecurity-Plattformen verfügen amerikanische Anbieter über jahrzehntelang gewachsene Ökosysteme, enorme Innovationsbudgets und eine Marktdurchdringung, die europäische Wettbewerber bislang nur schwer erreichen.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Wirtschaftlichkeit.
Digitale Souveränität ist selten die einzige Variable in einer Beschaffungsentscheidung. Unternehmen müssen Budgets einhalten, Projekte wirtschaftlich bewerten und Risiken minimieren. Wenn eine etablierte Lösung günstiger verfügbar ist, weniger Migrationsaufwand verursacht und bereits tief in bestehende Prozesse integriert wurde, fällt die Entscheidung häufig zugunsten des Status quo aus.
Genau deshalb bleibt eine Aussage besonders treffend: Der Wunsch nach digitaler Souveränität zerschellt oft am Preisschild – oder an der Verfügbarkeit.
Digitale Souveränität ist mehr als die Herkunft einer Software
In vielen Diskussionen wird digitale Souveränität auf die Frage reduziert, ob eine Lösung aus Europa oder den USA stammt. Das greift allerdings zu kurz. Ein Unternehmen wird nicht automatisch souverän, weil es europäische Software einsetzt. Ebenso wenig entsteht zwangsläufig eine kritische Abhängigkeit, nur weil einzelne Technologien von internationalen Herstellern stammen. Digitale Souveränität ist vielmehr das Ergebnis strategischer Entscheidungen. Sie beginnt bei der Kontrolle über Daten, setzt sich in der Auswahl von Partnern und Dienstleistern fort und umfasst ebenso die Fähigkeit, auch in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob jede einzelne Komponente europäisch ist.
Die entscheidende Frage lautet, ob ein Unternehmen seine kritischen Prozesse selbstbestimmt steuern kann.
Warum digitale Resilienz und digitale Souveränität zusammengehören
Spannend ist, dass digitale Souveränität häufig gemeinsam mit einem weiteren Begriff diskutiert wird: digitale Resilienz. Während digitale Souveränität die Unabhängigkeit und Kontrolle über Technologien beschreibt, geht es bei digitaler Resilienz um die Fähigkeit, Angriffe, Störungen oder Ausfälle zu bewältigen. Beide Themen sind eng miteinander verbunden.
Ein Unternehmen kann technisch hervorragend geschützt sein und dennoch von einzelnen Herstellern abhängig bleiben. Umgekehrt schafft auch die souveränste Technologieauswahl noch keine wirksame Cybersecurity. Erst das Zusammenspiel aus Resilienz, Sicherheitsmaßnahmen, Governance und strategischer Unabhängigkeit führt zu einer langfristig stabilen Sicherheitsarchitektur. Genau deshalb rücken beide Themen mit der Umsetzung von NIS2 immer stärker in den Fokus vieler Organisationen.
Welche Rolle spielt der Wirtschaftsrat?
Die Debatte wird nicht nur in Unternehmen geführt. Auch auf politischer Ebene gewinnt digitale Souveränität zunehmend an Bedeutung. Eine wichtige Plattform dafür ist die Bundesfachkommission Cybersicherheit im Wirtschaftsrat Deutschland. Der Wirtschaftsrat bringt Unternehmer, Technologieexperten, Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger zusammen, um konkrete Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung des Wirtschafts- und Technologiestandorts Deutschland zu erarbeiten.
Innerhalb der Bundesfachkommission Cybersicherheit stehen Themen wie digitale Resilienz, NIS2, der Schutz kritischer Infrastrukturen und die digitale Souveränität Deutschlands regelmäßig auf der Agenda. Ziel ist es, Erfahrungen aus der Praxis in politische Prozesse einzubringen und gleichzeitig die Auswirkungen regulatorischer Entscheidungen auf Unternehmen besser zu verstehen. Gerade bei der digitalen Souveränität zeigt sich dabei, wie eng Wirtschaft, Technologie und Politik inzwischen miteinander verflochten sind.
Digitale Souveränität ist ein Weg, kein Zustand
Die Vorstellung, digitale Souveränität könne durch eine einzelne Entscheidung erreicht werden, ist verlockend, aber unrealistisch. Für die meisten Unternehmen wird es weder möglich noch sinnvoll sein, sämtliche internationalen Technologien vollständig zu ersetzen. Entscheidend ist vielmehr, Abhängigkeiten zu verstehen, Risiken zu bewerten und Schritt für Schritt die eigene Handlungsfähigkeit zu stärken. Digitale Souveränität ist kein Schalter, den man umlegt. Sie ist ein langfristiger Prozess.
Jede strategische Entscheidung für mehr Transparenz, mehr Resilienz und mehr Kontrolle kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir bereits digital souverän sind. Sondern ob wir heute souveräner sind als gestern.
Wie Unternehmen digitale Souveränität in der Praxis bewerten, warum europäische Cybersecurity-Anbieter trotz hoher Nachfrage oft nicht zum Zuge kommen und welche Rolle Politik, Wirtschaft und Regulierung dabei spielen, diskutieren wir ausführlich in der aktuellen Folge von Cybersecurity Basement mit Jona Ridderskamp.
